»Die Italienische Begeisterung«

14
Stille, Zikaden

"Entschuldige, daß ich hier in aller Herrgottsfrühe herumwurachen komme."

Ja, er hat mich geweckt, ist im Dunkeln herumgetappt, hat die Türen der beiden Kleiderschränke geöffnet, eine Schublade gezogen, bis ich ihm sage, daß er sich Licht machen könne, ich sei sowieso wach.
Herumwurachen. Nicht vergessen. Ich mache mir immer Notizen.
Er sagt, er habe für ein oder zwei Tage in Rom zu tun. Ob ich mitkommen wolle.
Ich bin noch nicht in der Verfassung, sagen zu können, ob ich nach Rom will. Ein oder zwei Tage. Was soll ich zwei Tage mit ihm in Rom? Wo werde ich die Nacht verbringen? Hat er vorgesorgt? Oder muß ich mich selbst kümmern. Ein Tag, gut. Aber zwei?
Während er immer noch vor den offenen Türen seiner beiden schmalen Schränke steht, offenbar nicht entscheiden kann, was er für Rom anziehen soll, schlurfe ich unausgeschlafen an ihm vorbei. Ich tappe durch die Küche. Wieder einmal strahlendes Wetter vor dem Balkon, das morgendliche Relief der Landschaft, die kantigen Helldunkeltöne, die die von Osten einfallende Sonne in die Waldungen meißelt, ein silbriges Flattern wie Seidensöckchen auf der Leine sind die Olivenhaine auf dem gegenüberliegenden, den weiten Höhenzügen Richtung Rom vorgelagerten Rücken, man möchte sich frische Socken anziehen. Ich betrete das Bad, an dessen Türrahmen ich mir jedesmal den Kopf stoße, so niedrig ist er. Nur mit jener inzwischen auch schon wieder fernen äthiopierin habe ich mir nicht den Kopf gestoßen. Ich verrichte mein Geschäft, das kleine.
"Ich kann dich zum Bahnhof fahren", sage ich, als er vor mich hintritt wie die verfeinerte Kopie seiner selbst. Sakko, senkrecht gestreiftes dunkelblaues Hemd, helle Hosen, die offenbar lange so gefaltet gelegen haben, daß die Druckstellen wie Bügelfalten aussehen, es fehlte nur noch der Schlips. Aber das dann doch nicht. Dafür eine Art Lackschuh, schwarz, Slipper.
Wenn er weg ist, sage ich mir, werde ich zu ihm nach oben fahren und einmal allein die Ruhe und die Aussicht genießen. Er hat mir, in einer grünspanrostigen Rohrmuffe, die auf dem Absatz unter den Wasserbehältern steht, den Schlüssel gezeigt. Mit dem muß ich in den unteren Raum, die Abstellkammer, wo ich, auf einem Bord, auf ein vergammeltes Inhalationsgerät aus Plastik stoße: in dem finde ich dann den Schlüssel für den Hauptraum oben.
Aber jetzt muß ich ihn erst einmal fahren.
Seine Landwirtschaftsshorts und das unter den Achseln fadenscheinige und angerissene T-Shirt bleiben in meinem Schlafgemach liegen.

Dieses Mal will er nicht zu dem Bahnhof, zu dem wir das letztemal fuhren, als es nach Rom ging. Wir fahren unterhalb des Kastells vorbei, des Zuchthauses, das auf dem Buckel des Orts sitzt, den wir, oben von seiner Höhle oder von seinem Horst aus, immer im Blick haben. Am Tag ist es nicht besonders beleuchtet, es ist die Sonne, die es anstrahlt.
Ich werde mir das Ungetüm auf der Rückfahrt näher ansehen, denke ich.
Und was sagt mein Beifahrer, kaum habe ich es gedacht?
"Ich würde es mir", sagt er, "ersparen."
"Was?" frage ich sicherheitshalber nach.
"Die Besichtigung des Kastells", sagt dieser alte Gedankenleser. "Es ist ernüchternd. Stehst du vor dem Gemäuer, weiß du, was der Mensch ist."
"Der Mensch?"
"Was er dem Menschen wert ist", sagt er. "Möchtest du aber in die wirklichen Abgründe absteigen, dann steige nicht hoch zum Kastell, steige hinter dem Ort, die Ausschilderung wird dir helfen, hinunter zum städtischen Friedhof. Da haben sie einmal, in gehörigem Abstand zum Bürgerfriedhof und abgetrennt durch eine Reihe von jungen Zypressen, das Stahlbetonhufeisen, das definitive Fron- und Halseisen, konzipiert und realisisiert, das Beerdigungsareal für die Häftlinge aus dem Kastell, die das Zeitliche segnen. Vierstöckig liegen sie da in dem Dreiviertelrund, das schwungvoll die Eingeschlossenheit symbolisiert, übereinander. Obendrauf aber, und das ist der wirkliche Clou, zwar kein Stacheldraht, aber doch ein stilisiertes Geländer, über das die Tiefstrahler ragen, die den Innenhof der Totenstätte ausstrahlen. Damit keiner der Toten entkommt. Und natürlich für die Wachen die Wachtürme, du wirst es nicht glauben. Und die Blechfiguren, die die Wachen darstellen. Hier hast du nicht lebenslänglich, hier hast du todeslänglich gekriegt, wenn sie dich in die Luken schieben. Ich habe es Cesare berichtet. Cesare konnte es nicht glauben. Ich habe ihm gesagt: Fahr hin!" sagt Bronken. "Er ist nicht hingefahren. Als ich es einem anderen erzählte, sagte der, ja, so war es, die Stadtverordneten, die für den Gefangenenfriedhof verantwortlich gezeichnet hätten, seien von irgendeiner Seite davon überzeugt worden, daß ihr Friedhof übertrieben sei. Hast du gehört, Boddensiek, übertrieben! Möglich also, daß die Todeslänglichen inzwischen dank des Rückbaus ihrer letzten Ruhestätte wieder zu normalen, wenn auch weiterhin toten, Lebenslänglichen geworden sind."
Ich erspare mir dann, nachdem ich Bronken an seinem Bahnhof abgeliefert habe, die Rückfahrt über das Zuchthaus und die spezielle Begräbnisstätte. Er solle mich, habe ich ihm angeboten, über mein Handy davon unterrichten, wann ich ihn wieder abholen könne.
"Ok."

Und jetzt, Stille, Zikaden. Oder Grillen. So verschiedener Art diese Krachmacher sind, verwechsle ich sie doch immer wieder. Jedenfalls sind sie es, die erst mit ihrem Krach die Stille zur Stille machen. Inzwischen ist schon wieder Mittag. Ich habe mich ins Innere des Hauses zurückgezogen.
Und dann stoße ich, unweit des Photos von Bronken und seiner Schönen, auf einen Zeitungsausschnitt, den ich übersehen hatte. Er hat ja überall, nicht nur unten, Zeitungsausschnitte mit dem Nagel oder der Heftzwecke an den Wänden befestigt. Hier an dem groben Wurfputz den kleinen vergilbten Zettel, dessen Text ich mir gleich auf den Block übertrage, der auf dem hohen Tisch neben dem Klavier und dem wunderbaren tiefen Aussichtsfenster liegt. Ein Zeichentisch für Architekten, auf dem man nicht nur beiläufig Notizen, sondern schon auch noch originellere Entwürfe nicht allein für Inhaftierte machen könnte:

Um dem wachsenden Opium- und Heroinschmuggel in Thailand beizukommen, haben die thailändischen Behörden die Grenzbewachung und die Strafen drastisch verschärft. Im Gegenzug sind die Schmuggler an der Südgrenze zu Malaysia dazu übergegangen, Babys von notleidenden Eltern aufzukaufen, sie zu töten und die ausgehöhlten Körper mit Heroinsäckchen zu füllen. Wie der Far Eastern Economic Review berichtet, werden die Kinder als angeblich schlafende Säuglinge über die Grenze getragen, und zwar innerhalb von 12 Stunden nach der Ermordung, damit ihre natürlich Hautfarbe noch erhalten bleibt.

Ich wende mich ab. Die Grillen oder Zikaden sind Nachtigallen. Ich lege mich in einen der Liegestühle auf dem eingefriedeten Dach, von dem hinab Bronken immer sein nächtliches Wasser abschlägt. Ich rücke die Liege unter den falschen Lorbeer und schließe die Augen. Ich suche zu vermeiden, in die Landschaft zu blicken. Dort spielt das Leben. Ich wiege mich, die nackten Fußsohlen auf den gesplitterten Dachkacheln, in dem Leinen; es könnte ein Riesenstorch einfliegen und mit dem Schnabel beidseitig nach dem Liegestuhlrahmen schnappen, um mich davonzutragen und als Neugeborenen zu verkaufen. Und ich hätte nicht einmal etwas dagegen.

Unten steckt, jemand einen Schlüssel in ein Schloß, ich höre es quietschen. Dann höre ich die Stimme. Eine, die brüllt, als wollte sie jemanden auf der vorgelagerten Hügelkette erreichen. Ich verstehe kein Wort. Ich vernehme keine Antwort. Und wieder Stille. Nur das jähe Verstummen und Wiedereinsetzen der schrillen Reibegeräusche, des Zirpens, das die sich verbergenden Hüpfer mit ihren Hinterleibszirporganen oder mit den zum Schrillorgan ausgebildeten Vorderflügeln hören lassen. Direkt über mir, im Lorbeer. Und das Rumpeln von Fässern und Tonnen von unten, unterhalb von Bronkens Hauptraum. Dann das Geräusch eines Wasserstrahls, der in ein hohles Gefäß gerichtet wird. Das Umstülpen des Gefäßes. Ein Hammerschlag. Und noch einer. Dazu von ferne der Eichelhäher, was weiß ich, oder die Krähen mit ihrem Gekrächze. Ich falle in Schlummer.
Wer hat mir das alles aufgebürdet? Ich selbst? Nein. Ich setze mich nur zur Wehr. Jetzt. Mit meinem Schlaf. Es ist ein roter Schlaf, durchschattet von einem Blau, das aus dem Inneren kommt. Wehr- und Heilschlaf. So entsteht Violett. Wäre ich einer dieser Nazarener, von denen ich gelesen habe und deren Zeichnungen und Bilder, von heute aus gesehen, wie Kitsch wirken. Sie sind es nicht. Wir selbst sind Kitsch, im Entsetzen.
Jetzt ein Geläute, eines, das mich weckt. Es sind Flaschen, die gegeneinander schlagen. Und wieder das Geräusch sprühenden, druckvollen Wassers. Aus einem Schlauch. Der Unsichtbare unterhalb meiner Dachterrasse spült Flaschen. Ich habe Durst. Ich erhebe mich, trete ins Innere des Hauses, der Schwingboden schwingt nicht nur, er ist, wie gesagt, auch ein akustischer Amplifikator, er trägt das Geläute unmittelbar von unten über meine nackten Fußsohlen durch den ganzen Körper hindurch in mein Gehör. Ich greife, nachgerade verzückt, zur Wasserflasche, die im Seitenfach des Kühlschranks steht. Ich nehme einen kräftigen Schluck. Direkt aus der Flasche. Es ist kein Wasser, ich verschlucke mich. Es ist Wein, weißer. Um dem Verschlucken entgegenzuwirken, nehme ich einen weiteren Schluck. Wäre es das Wasser gewesen, nach dem ich greifen wollte, durchrieselte es mich jetzt nicht so angenehm und wohlig. Bienen summen durch die Tür herein und durchs Fenster hinaus. Auch umgekehrt. Eine schwarze Hornisse propellert. Oder tut, als propellerte sie. Wäre nicht der Unsichtbare mit seinem Klingklang unter mir, würde ich die Decke über dem Klavier zur Seite schlagen, den Deckel heben und einen Ton anschlagen. Und sei es nur, um zu hören, wie er klingt. Was ist in mich gefahren?
Ich werde mich heute nicht mehr von hier fortbewegen, denke ich. Ich werde oben bleiben. Ich werde nachsehen, ob da neben den Handtüchern und Kleidungsstücken auf den dicken, an der Wand befestigten Brettern, auch so etwas wie Bettwäsche liegt. Mir reichte ein Laken. Eins oder zwei. Ich werde hier oben übernachten, auf Bronkens Matratze. Und mir den Himmel ansehen. So wie ich ihn mir tausend- und abertausendmal, am Bug des Schiffes, über dem Schäumen der Schraube am Heck, auf der Brücke, angesehen habe. Das Kreuz des Südens. Nach ihm werde ich Ausschau halten, obwohl ich weiß, daß ich es nicht erschauen werde. Ich befinde mich nicht südlich vom 26. Grad nördlicher Breite. Ich befinde mich unter einem anderen Gewölbe. Und sinke in ein anderes Gebet.
Morgen werde ich meinen Sohn anrufen, den Jens. Und die Claudia. Warum nicht jetzt? Ich weiß nicht.
Noch einen Schluck.